MUSIKSCHULE DER WISSENSCHAFTSSTADT DARMSTADT

20 JAHRE KOMPONIEREN MIT KINDERN UND JUGENDLICHEN

Wie alles begann

Ich habe einen Mann gekannt, der hieß Hans,
und er war anders als alle anderen.
Noch einen kannte ich, der war auch anders als alle anderen,
dann einen, der war ganz anders als alle anderen und er hieß Hans.

Ingeborg Bachmann “Undine geht”


Es war in der Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Die Uraufführung meines Streichquartetts Traumgesang-Nachtmusik führte mich nach Halle an der Saale. Es war das erstemal, dass ich die DDR besuchte.

Ich traf eine Welt, die anders war als die meine, - erlebte ein anderes Verstehen der Kunst, ein anderes Hören, ein anderes Sprechen. Meinem westlich geschulten Auge zeigte alles Materielle sich materiell, funktional und ärmlich. Alles Künstlerische präsentierte sich künstlerisch ernst, reich, geachtet und schön.

Das Konzert war am Neujahrsabend des Jahres 1984. Es war kalt. Die Luft roch nach verbrannter Braunkohle. Fahl gelb leuchteten die Straßenlaternen. Alle Brote waren rostrot mit Leberwurst geschmiert, - Grundlage für zweiunddreißigprozentigen Nordhäuser Korn, - eine Gurkengegend, in der es zum Leberwurst-Brot keine Gurken gab.

Hier erlebte ich Hans Jürgen Wenzel erstmals in seiner Welt. Er war ein blonder Mann mit schulterlangem Haar, blitzenden Augen, der Inbegriff musikalischer Leidenschaft gepaart mit Präzision und mit einem polylektisch denkenden Geist. Dieser Abend weckte in mir den Wunsch sein Schüler zu sein. Ich musste fünf Jahre darauf warten.

Zunächst, im nun folgenden Herbst 1984, begannen meine Studien bei Hans Werner Henze in Köln. Ich war dem Maestro erstmals im Frühsommer des vorausgegangenen Jahres in Schwetzingen beim Spargelessen zur Zeit der Proben zur Uraufführung der Oper Die Englische Katze persönlich begegnet. Es war ein sonniger Tag. Hans Werner Henze trug helle, sommerliche Kleidung und einen weißen Hut, so weiß wie der Schwetzinger Spargel. Auch Fausto war dabei. Man sprach während des Essens Italienisch. Ich verstand kaum ein Wort und erinnerte mich an einen Satz, den zehn Jahre zuvor der Germanist Professor Günter Oesterle an der Justus-Liebig Universität in Giessen zu mir sagte: “Es ist uninteressant sich dort zu bewegen, wo man etwas versteht”. So hörte ich - den Sinn der Worte nicht verstehend - auf den Klang, die Gestik, die Artikulationen. - Wieder war alles anders, anders als ich es bis dahin kennengelernt hatte. Dieser Mittag weckte in mir den Wunsch Hans Werner Henzes Schüler zu sein. Diesmal musste ich nicht lange warten, musste mich nicht einmal bewerben. Im Sommer 1984 rief der Maestro mich an und fragte, ob ich ihm meine Kompositionen vorstellen mag. Sehr aufgeregt zeigte ihm mein in Halle uraufgeführtes Streichquartett und die Lieder nach Gedichten von Garcia Lorca. Ich hatte Glück und wurde sein Schüler.

Was nun folgte, war eine aufregende, wunderbare Zeit. Wir Studenten drehten uns mit all unseren empfindenden Gedanken ausschließlich um die Kunst und um das Leben, um Politik und Philosophie. Musik wurde von uns selbst erfunden, gespielt und gehört. Sie stand im Zentrum der Gespräche, - im Unterricht, im Stadtwald am See, unter Bäumen oder bei Rotwein und Gauloises ohne Filter - bis spät in die Nacht - im türkischen Restaurant...

Es gäbe viel zu berichten, aber das kann andern Orts geschehen.


Wie es dann weiterging

Für das Verstehen meiner Überzeugung und meiner Freude beim Unterrichten junger Menschen ist nur wichtig, dass man versteht, wie groß die Attraktivität der Andersheit war, die sich den Studenten in der Gesellschaft dieser beiden Lebensmut-machenden Meister bot. Es war ein magisches Angezogen-Werden, eine Ahnung, dass es sich für einen lohnt, die Schönheiten dieser Welt freizulegen, dass es sich lohnt, alles sie Verstellende aus dem Weg zu räumen, dass ein junger Mensch ein Recht dazu hat, sich auf die Suche nach dieser Schönheit zu begeben, - auf die Gefahr hin, für verrückt erklärt zu werden von einer Welt, in der das Normale oft gleichbedeutend mit Mediokrität erscheint.

Im Laufe der Jahre hatte ich mehrmals die Gelegenheit an kompositorischen Unterrichtsprojekten mitzuwirken, die sowohl Hans-Jürgen Wenzel im Kloster Schulpforte und später im Schloss Rheinsberg als auch Hans Werner Henze im österreichischen Deutschlandsberg mit jungen Menschen in Szene setzten.

Hans Jürgen Wenzel und Hans Werner Henze: Sie sind die Erfinder des modernen Kompositionsunterrichts für Kinder, Jugendliche und Studenten. Ihr Verdienst ist es, den Unterricht von den Nebelschwaden einer universitären Pädagogik befreit zu haben. Sie führten den Abstand zwischen der Kunst und dem Kunst-Schaffenden gegen Null. Von ihnen habe ich gelernt, dass die Kunst selbst der ausschließliche Grund jeder Begeisterung, jeglichen Motiviertseins ist. Von ihnen habe ich gelernt, dass nur die Kunst selbst die Methoden vorgeben kann, mittels derer man sich ihr nähern darf. Sie selbst lässt einen die Methoden erfinden, - in dem Moment, in dem sie zur Anwendung kommen. Ich habe von Hans Jürgen Wenzel und Hans Werner Henze gelernt, dass die Musik die grausamste Geliebte ist, der man sich ergeben kann. Sie zieht sich sofort zurück, wenn man sich ihr auf falsche Weise nähert. Es gibt für sie kein “fast gelungen”, da es in ihren Augen gleichbedeutend mit “nicht gelungen” ist.

Die Jahre vergingen, fliegend, schwebend wie im Rausch. Den Kölner Jahren folgten die Berliner Jahre als Schüler von Hans Jürgen Wenzel an der damals noch existierenden Ostberliner Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz, ausgestattet mit einem Stipendium der DDR: 500 Ostmark im Monat.


Die Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt

Der Studienzeit folgte die Beschäftigungszeit:

Im Jahre 1987 erhielt ich in Darmstadt an der Akademie für Tonkunst meinen ersten Lehrauftrag für Musiktheorie. Der Unterricht erfolgte sowohl an der Studienabteilung als auch an der Musikschule. Nach wenigen Jahren der Erfahrung mit institutionell organisiertem Theorieunterricht musste ich feststellen, dass junge Menschen zwischen acht und achtzehn Jahren von anderen Dingen träumen als von akademisch vermittelten Moll-Tonleitern und übermäßigen Intervallen. Diese Erkenntnis führte dazu, dass ich - in Gedanken an meine Studienzeit bei Henze und Wenzel - den damaligen Direktor Werner Hoppstock fragte, ob ich testweise die Musiklehre-Kurse an der Musikschule in Kompositionskurse umwandeln darf.

Wie gefragt, so geschehen.

Was mit dieser Entscheidung begann, ist eine aufregende Zeit, voller Energie, voller leuchtender Augen junger Menschen beim Entdecken ihrer eigenen Musik, voller wunderbarer Klänge, voller Freude am Leben. Die freigelassene Energie dokumentierte sich selbst bereits in einem Konzert im Jahre 1990, für das dreißig Kinder und Jugendliche dreißig kleine Minutenstücke der staunenden Öffentlichkeit präsentierten. Dieses Konzert überzeugte. Gerhard Hüther, der die Akademie nach Werner Hoppstock für kurze Zeit kommissarisch leitete, half mir, 1991 in der Akademie für Tonkunst - als erstem deutschen Ausbildungsinstitut mit einer Musikschule und einer berufsbildenden Abteilung - das Fach Komposition für Kinder und Jugendliche als festen Bestandteil des Curriculums zu installieren.

Von Anfang an lief die musikalische Produktion der neuen Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche auf Hochtouren. Auf das Konzert mit den Minutenstücken folgte unmittelbar die abendfüllende Oper Spiegel das Kätzchen . Das Libretto hierzu schrieben Kinder des Schuldorfs Bergstraße unter der Leitung ihrer Deutschlehrerin Barbara Zeizinger nach einem Märchen von Gottfried Keller. Das Bühnenbild wurde von Darmstädter Kindern unter Anleitung der Malerin und Bühnenbildnerin Ulrike Roth gestaltet. Die für Sängerinnen, Sänger und größeres Kammerensemble komponierte Musik wurde 1992 von Studierenden im Großen Saal der Akademie für Tonkunst zur Aufführung gebracht.

Nach diesem Großprojekt konzentrierte sich die Kompositionsklasse für mehrere Jahre auf das Komponieren von Kammermusiken, die sie regelmäßig in Konzerten präsentierte. In den vergangenen zwanzig Jahren entstanden insgesamt an die zweihundert Werke für kleinere und größere kammermusikalische Besetzungen.

1998 war es dann wieder so weit: Die Oper Die kleine Meerfrau für elf Gesangssolisten, Kinderchor und Kammerorchester nach einem Märchen von Andersen erlebte in der Akademie für Tonkunst ihre Uraufführung. Das Libretto wurde von Barbara Zeizinger, diesmal unter Mitwirkung von Anita D’Souza, einer der Kompositionsschülerinnen, verfasst. Wieder wurde das Bühnenbild von Darmstädter Kindern unter der Leitung von Ulrike Roth erstellt. Die musikalische Präsentation besorgten wieder Studierende der Akademie. Erstmals ergab sich bei diesem Projekt eine Unterstützung von Seiten des Staatstheaters. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betriebsbüros, der Technik, der Beleuchtung, der Kostüme und Inspizienz unterrichteten Studierende der Akademie für Tonkunst und halfen bei der Realisierung dieses großen abendfüllenden Abenteuers.

Das Interesse der Medien an diesen Pionierprojekten war groß. Spiegel das Kätzchen bewirkte eine ganzseitige Besprechung in der Neuen Musikzeitung. Über Die kleine Meerfrau berichteten vier Fernsehsender, sechs Rundfunkanstalten und dreizehn Zeitungen (Originalbeiträge ohne Übernahmeberichte). Die Projekte wurden zum Thema von Examensarbeiten an Musikhochschulen und von wissenschaftlichen Untersuchungen an pädagogischen Fachbereichen deutscher Universitäten (z.B. Universität Hildesheim, Musikhochschule Dresden). Es folgten Einladungen zu Kompositionsprojekten in der ganzen Bundesrepublik, z.B. zur Jeunesses Musicales nach Weikersheim, nach Schloss Rheinsberg, nach Kloster Schulpforte etc.

Der Prinz von Jemen - Wie es dazu kam

Die Krönung all dieser Bemühungen um interessante, schöne und aufregende Musik erleben wir heute mit der Uraufführung der Oper Der Prinz von Jemen.

Das erste Planungsgespräch zwischen dem Staatstheater Darmstadt und der Akademie für Tonkunst war im Spätsommer 2008. Ihm voraus gingen zahlreiche Gespräche zwischen dem Intendanten des Staatstheaters Darmstadt John Dew und mir zu ganz anderen Themen. Immer wieder einmal streiften wir in diesen Unterhaltungen das Thema Kunstausbildung für junge Menschen. Ich erfuhr, dass John Dew der Auffassung ist, dass die meisten Kunstprojekte für junge Menschen daran kranken, dass sie für die Lehrer und nicht für die Schüler konzipiert werden. Es kam vor, dass bei Teilnahme von Schülern an einer öffentlichen Generalprobe zu Lohengrin ein Lehrer darauf hinwies, dass genügend Pausen eingerichtet werden müssten, da die Kinder die Veranstaltung sonst nicht durchhalten würden. Das Theater setzte sich durch, mit dem klaren Hinweis, dass man zu einer Generalprobe des Lohengrin und nicht zu einer Freizeitveranstaltung eingeladen habe. Die zusätzlichen Pausen wurden nicht gewährt. Das Ergebnis war, dass die Kinder gebannt bis zum Schluss der Oper alles ohne Ermüdungserscheinungen verfolgten und im Anschluss daran von tausend Fragen bewegt das Theater gar nicht mehr verlassen wollten. Sie wollten Gespräche mit dem Ensemble, fragten nach der Art der technischen Realisierung und so weiter. Als John Dew mir von diesem und von ähnlichen Geschehnissen berichtete, bemerkte ich sofort, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen seinen Ansichten bezüglich einer kunstpädagogischen Arbeit und meinen Ansichten gab. Kurz gesagt: Es geht darum für die jungen Menschen eine Gelegenheit und einen organisatorischen Rahmen zu schaffen, in dem das Kunstwerk und das Erfinden eines Kunstwerks das alleinige Zentrum für die Aufmerksamkeit ist. Die Kunst selbst erzeugt die Begeisterung, - zumindest dort, wo sie ungehindert wirken kann. Sie bedarf keiner pädagogischen Hilfestellungen. Scheinbar wie von selbst ergab es sich eines Tages im Gespräch zwischen John Dew und mir, dass er mir eine Zusammenarbeit anbot. Danach ging alles ganz schnell. Das Produktionsgespräch zwischen Theaterleitung, dem Librettisten Alexander Gruber und der Akademie für Tonkunst fand statt. Alexander Gruber schlug unter anderen Stoffen den Prinz von Jemen vor, der zu diesem Zeitpunkt in Form eines türkischen Märchens mit dem Titel Prinzessin Markweiß vorlag und der Dramatisierung bedurfte. Auch dies ging dann ganz schnell. Alexander Gruber übergab mir das Libretto passagenweise in Form kleiner “Versucherles”.

Bereits im Oktober 2008 lag den jungen Komponistinnen und Komponisten das zu komponierende Libretto vor. Bevor jedoch der erste Ton aufs Papier gesetzt wurde, beschäftigten wir uns ein ganzes Jahr lang jede Woche mit der Textvorlage. Alexander Gruber, der zu dieser Zeit als Dramaturg am Theater arbeitete, war bei jeder Unterrichtsstunde dabei. Das war ein großes Glück für uns alle! Gemeinsam versuchten wir über das rein intellektuelle Verstehen des Textes hinaus uns diesen körperlich-geistig-emotional anzueignen. Wir wendeten uns jedem einzelnen Wort zu, drehten es, wendeten es, tasteten es ab, beschnupperten es, ließen uns von ihm bewegen und bewegten uns, von ihm in unserem Innersten bewegt. Ein Beispiel: An einer Stelle beleidigt die Prinzessin die Sultanin als diese stellvertretend für ihren Sohn, den Prinzen von Jemen, um die Hand der Prinzessin anhält. Die Sultanin reagiert auf diese unverschämte Abweisung mit nur einem Wort: OH! Wir schrieben das Wort an die Tafel und fragten uns, was in diesem Wort alles enthalten ist: Wut, Zorn, Entsetzen, Enttäuschung ... - All diese Worte schrieben wir ebenfalls an die Tafel, um das OH herum. Danach fragten wir uns nach der Bedeutung dieser Worte: Ent-Täuschung = Nicht-mehr-getäuscht-sein etc. Auch diese Bedeutungen wurden an der Tafel notiert. Danach hörten wir in uns hinein, um die innersten Bewegungen, die dieses Wort OH mit all seinen Bedeutungen in uns auslöste, zu erhören. Mit geschlossenen Augen hörend ließen wir unseren Körper von diesen Bewegungen bewegen, - ein stummes Dirigieren. Plötzlich fragte der jüngste unserer Komponisten, der damals noch kleine, heute schon groß gewordene Ben, den wir Big Ben nennen: “Darf ich mal zusammenfassen?” - Antwort: “Leg los!” - Dann sagte Big Ben: “In dem OH ist schwer was los!” - Wir wussten nun, dass wir uns dem nächsten Wort zuwenden konnten. Einige Wochen später trafen wir uns im Staatstheater mit Aki Hashimoto, David Pichlmaier und Joachim Enders. Wieder gaben die jungen Komponistinnen und Komponisten ihrer inneren Vorstellung “dirigierend” Ausdruck. Diesmal war es aber kein stummes Dirigieren. Aki, David und Joachim reagierten improvisierend auf die Bewegungen der jungen Komponisten. Die innerlich gehörten Klänge verwandelten sich in körperliche Gesten, die ihrerseits einen Klang erzeugten. Es folgten zahlreiche Besuche in der Oper: Die Kluge, Hänsel und Gretel ...

Ein Jahr lebten wir bereits mit Alexander Grubers Libretto. Die Akteure der Geschichte waren uns inzwischen bekannt wie gute Freunde. Es ließ sich nun nicht mehr verhindern: Wir mussten dem Charakter unser “Freunde” Melodien schenken, - Melodien, Rhythmen, Artikulationen, Farben. Wir mussten ihnen ein Leben außerhalb unserer Fantasie geben, eine klingendes, für das interessierte Publikum hörbares Leben. Danach glich die Kompositionsklasse für Kinder und Jugendliche einem Ameisenhaufen. Von überall her wurden Töne herbeigeschleppt.

Eine große Hilfe beim Notieren der Musik wurde uns von Seiten des amerikanischen Software-Herstellers AVID (www.avid.com / www.sibelius.com)zuteil. Das von dieser Firma hergestellte Notationsprogramm mit dem schönen Namen SIBELIUS wurde allen Kindern und Jugendlichen in persönlicher Lizenz kostenfrei zur Verfügung gestellt. Diese Software ist so intuitiv zu bedienen, dass das Erlernen nur wenige Tage gedauert hat. Unsere Arbeit inklusive Herstellung des Aufführungsmaterials wurde dadurch enorm erleichtert. Wir danken AVID sehr für diese Unterstützung. An dieser Stelle sei auch der Sparkasse Darmstadt ganz herzlich gedankt. Sie hat bei der Deckung der Produktionskosten sehr geholfen.

Die Komposition der Partitur von 4500 Takten Musik dauerte neun Monate, so wie bei einem Kind.

Dann, kurz vor den Sommerferien im Jahre 2010, war die Oper fertiggestellt. Fertiggestellt? Noch lange nicht. Während der sechswöchigen Sommerferien musste Korrektur gelesen werden. Täglich zwischen zehn und fünfzehn Stunden arbeitend haben der damals dreizehnjährige Kiavasch Mohammad Nejad Farid und ich uns dieser Aufgabe gestellt. Am 31. August 2010 gegen 20:00 Uhr, vier Stunden vor Ablauf der im Spätsommer 2008 vereinbarten Frist war die Partitur von Der Prinz von Jemen fertiggestellt. Sie wurde wenige Tage später in gebundener Form und in Anwesenheit der interessierten Presse dem Intendanten des Staatstheaters John Dew übergeben. Nachdem der Klavierauszug von einer Firma in Wien hergestellt worden war blieb für mich noch die Herstellung des Orchestermaterials. Auch dieses wurde wie verabredet Ende Januar 2011 an das Theater ausgeliefert.

Die Arbeit am Theater hatte zu diesem Zeitpunkt längst begonnen. Die Komponisten wurden zu Proben eingeladen, erfuhren dabei Lob und Kritik und konnten erleben, wie ganz allmählich alles sich zu einem Ganzen fügte, wie sich innere Vorstellung, realer Klang und reale Szene zueinander verhalten. Es ist eine große Freude zu sehen, mit welcher Hingabe und Kompetenz die Menschen, die an dieser Produktion arbeiten, an ihre Arbeit herangehen: der Dirigent Ekhart Wycik, der Regisseur Christian von Götz, der Bühnenbildner Conrad Moritz Reinhardt, die Kostümbildnerin Ursula Kudrna, die Sängerinnen und Sänger Aki Hashimoto (Prinzessin), Anja Vincken (Sultanin), Elisabeth Hornung (Dschemile/Dilfirib), Lucian Krasznec (Prinz), David Pichlmaier (Padischah), Hubert Bischoff (Arzt) in den Hauptrollen und all die anderen Sängerinnen und Sänger, das Staatsorchester, die Techniker, die Beleuchter, die Schneider und all die vielen an der Realisation und Organisation beteiligten Personen.

Man vergegenwärtige sich das Risiko: noch nie zuvor hat auf dem Planeten Erde ein Staatstheater für sein Ensemble und sein Orchester bei Kindern und Jugendlichen eine abendfüllende Oper als gleichberechtigte Produktion der Spielzeit mit neun geplanten Vorstellungen im Großen Haus bestellt. Wir alle sind sehr dankbar für das uns von John Dew entgegengebrachte Vertrauen.

Heute ist es nun soweit. Zu Beginn beinahe jeder Unterrichtsstunde in den vergangenen Jahren haben die jungen Komponistinnen und Komponisten sich mit geschlossenen Augen diesen Moment vorgestellt. Sie stellten sich vor, dass der Vorhang geschlossen ist, wir alle im Zuschauerraum sitzen, gespannt auf die Bühne schauen, dass die letzten Gäste ihren Platz aufsuchen, das Geräusch knisternder Bombons, das leise Tuscheln ... - Das Licht im Auditorium geht aus, der Dirigent betritt das Pult, verbeugt sich, Applaus, ... - nun wird es still. Das Publikum ist gekommen, hat sich Lebenszeit genommen, die am Ende des Lebens nicht zurückerstattet wird, um einen zauberhaften Abend zu erleben. Die Einzigen, die die Verantwortung dafür tragen, dass dieser Wunsch sich erfüllt sind wir selbst. Dies machten die jungen Komponistinnen und Komponisten sich über die Jahre in jeder Stunde klar, und sie verabredeten miteinander, alles dafür zu tun, damit sich die Erwartung, der Wunsch des Publikums eines Tages erfüllt.

Dieser Tag ist gekommen. Der Vorhang öffnet sich. Unser jahrelang gehegter Traum steht auf der Bühne. Wir laden Sie, verehrtes Publikum dazu ein, ihn mit uns zusammen weiter zu träumen!

Widmung

Mein Teil an der Arbeit sei den beiden Pionieren und Großmeistern des Kompositionsunterrichts für Kinder und Jugendliche gewidmet: Hans Werner Henze und Hans Jürgen Wenzel.


Cord Meijering
Darmstadt, den 9. April 2011